Jeder Punkt dieses Zentrums der deutschen Hauptstadt ist heute dank Einsatz modernster Vermessungsmethoden - wie z.B. GPS - auf 3,3 Millimeter genau bekannt.
Auf der vier Kilometer langen Süd-Nord-Achse zwischen Potsdamer Platz, Brandenburger Tor, Reichstagsgebäude und künftigem Berliner Hauptbahnhof stellt die eigentliche Herausforderung für die Ingenieure der riesigen Baustellen das Wasser dar. Bei allen Baumassnahmen, mit denen die Fachleute tiefer als drei Meter in den Boden eindringen, beginnt der Kampf mit dem Hauptelement des riesigen „Grundwassersees" im Berliner Sandboden. Er erfordert dichte, gegen Auftrieb gesicherte Tunnelröhren und Betonwannen alsFundamente. Sie bestehen je nach Situation aus gewaltigen Beton-Senkkästen mit 28'000 Tonnen Gewicht, aus sechs parallelen Schildvortieb - Tunnelröhren oder aus riesigen Trogbaugruben, deren Sohlen unter Wasser gefertigt werden. Bauen ist hier eine besondere Kunst.
Internationales Architekturpanorama des nächsten Jahrhunderts
Die grösste der zahlreichen Berliner Baustellen im Zentrum der Dreieinhalbmillionen-Stadt ist momentan der „Potsdamer Platz". Hier überragt Anfang 1998 wie aus einer aufgestreckten Hand in 75 Metern Höhe der längste Finger des Debis-Hochhauses die Rohbauten und Baugruben. Bereits erheben sich mehrere Stockwerke der einmal 110 Meter hohen gläsernen Europazentrale des japanischen Sony-Centers aus dem Boden. In Vorbereitung befinden sich auf den Grundstücken weiterer Investoren zusätzliche imposante Bauwerke. Sie werden mit den Bahnhöfen von Fernbahn, S-Bahn und U-Bahn sowie neuer unterirdischer Autostrasse nach mehr als einem halben Jahrhundert erneut den zukünftigen Berliner Zentrumspunkt bilden.
Zusammen mit Renzo Piano (Debis) und Helmut Jahn (Sony) bauen um den Potsdamer Platz auch andere illustre Namen: Giorgio Grassi (ABB), Arata Isozaki, Richard Rogers, José Moneo, Jürgen Sawada und Hans Kollhoff. Frank O. Gehry und Günter Behnisch bauen direkt neben dem Brandenburger Tor. Sir Norman Foster ist in Sichtweite unter der Reichstagskuppel vertreten, Santiago Calatrava mit einer Brücke über die Spree. Und Jeoh Ming Pei und Jean Nouvel haben einen Kilometer östlich des Potsdamer Platzes bereits architektonische Meilensteine gesetzt.
Tunnels und Baugruben rund um das neue Regierungszentrum
Ende 1998 muss auch das mit einer Investitionssumme von 600 Millionen Mark umgebaute Reichstagsgebäude weitgehend fertiggestellt sein. In ihm wird der Deutsche Bundestag Sitz beziehen. Rund um die mächtigen Stahlstrukturen der neuen Kuppel sind momentan tiefe Baugruben und Tunnelbauten zu erkennen - darunter auch Teile des 3,4 Kilometer langen Bahn-Nord-Süd-Tunnels zum künftigen Berliner Hauptbahnhof. In sechs Tunnelröhren werden Fernbahn, U-Bahn und Autos unterirdisch ihren Zielen zustreben. Für die Baumassnahmen muss sogar ein Teil des Flussbettes der Spree vorübergehend verlegt werden. Bevor Berlins Mitte zur Architektursilhouette des Milleniums wird, gleicht sie einer permanenten Weltausstellung moderner Tiefbautechnik!
Dicht neben den Tunnelbauten im Spreebogen entsteht das Kanzleramt. Die Regierungs- und Parlamentarier-Bürogebäude werden Form in den immensen Dorotheen-, Luisen- und Alsterblöcken annehmen: ein modernes Regierungszentrum im und über den Spreebogen mit kurzen Wegen und schnellen Verkehrsanschlüssen. Von hier aus wird in wenigen Jahren der grösste EU-Staat regiert.
3,3 Millimeter Punktgenauigkeit auf 16 Quadratkilometer
Für all dies mussten die verantwortlichen Vermessungsbehörden und Grundbuchämter sehr frühzeitig genaue Lage- und Höhendaten ermitteln und den Interessenten zur Verfügung stellen. Mit Leica Präzisions-tachymetern TC 2002, Digitalnivellieren NA 3003 und GPS300-Systemen wurden vom Vermessungsbüro Messmer im Auftrag der federführenden Berliner Senatsverwaltung und des Knotens Berlin der Deutschen Bahn AG die Lage- und Höhe-Fixpunkte in einem Gebiet von 2 km mal 8 km eingemessen. Die Lage eines jeden beliebigen Punktes innerhalb dieses Festpunktnetzes ist heute auf 3,3 Millimeter genau bekannt. Bodenpreise bis zu 25'000 Mark pro Quadratmeter und Bauprojekte an der Grenze des technisch Machbaren beruhen auf einem vermessungstechnisch erstklassigen Fundament.
Bausicherungsmessungen als grösste Herausforderung
Um Bruchteile von Millimetern geht es manchmal bei den Ingenieur-bauwerken: gewaltige Baugruben entstehen neben bereits bestehenden Hochhäusern und U-Bahntunnels. Deshalb kommt der baubegleitenden messtechnischen Sicherung von Lage und Höhe der Objekte sowie ihrer eventuellen Verformungen grosse Bedeutung zu: „Für unsere anspruchsvollen Deformationsmessungen rücken wir - wenn es das Projekt zulässt - gerne am Sonntag aus: dann gibt es weniger störende Erschütterungen von schweren Baumaschinen" sagt Ingenieur Karsten Braun vom Büro Messmer. Im rundum von Baustellen eingekesselten S-Bahnhof am Potsdamer Platz zum Beispiel haben Fachleute der Solexperts AG ein automatisches GeoMonitor-System installiert, um Senkungen der bestehenden S-Bahn - und U - Bahn - Bauwerke sofort zu erkennen. Einen Kilometer östlich überwachen ins GeoMonitor-System integrierte Digitalnivelliere Leica NA 3003 die Neigung und Senkung eines 16stöckigen Hochhauses, neben dem gerade wieder einmal gebaut wird.
Man wird Berlins Mitte nicht wiedererkennen, wenn diese Bauvorhaben abgeschlossen sind. Im Gegensatz zu den neu entstandenen Architekturlandschaften werden die grossen Tiefbauwerke dann allerdings dem Anblick weitgehendentzogen sein. Doch die Vermessungsexperten der Berliner Senatsverwaltung um Helmut Gehring, des Knotens Berlin der Deutschen Bahn AG um Dr. Joachim Merkel und der grossen Bauträger werden sie sorgfältig im Messokular behalten.